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Ein reiner Klang

Es heißt, der junge Geselle Simon habe den Meister der Glockengießerei umgebracht. Tatsächlich war dies Simons innigster Wunsch, doch als es zur Auseinandersetzung kam, war er dem kräftigen Mann völlig unterlegen gewesen. Trotzdem wurde der Meister anschließend tot aufgefunden und Simon kann sich keinen Reim darauf machen ...

Leseprobe
Der alte Reblinger trat von hinten an den Simon, packte ihn am Ohr und verdrehte es derart, dass der Junge glaubte, er wolle es ihm herausreißen.
"Da muss mehr Sand rein!", schrie er ihm ins Genick. "Die Form platzt mir sonst!"
Der Meister schleuderte den Lehrling von der Gussgrube weg und legte mit einem Fußtritt nach. Simon ging zu Boden, rappelte sich sofort wieder auf und trollte sich davon. Er stolperte zu dem Sandberg, griff nach dem mit Eisen beschlagenen Holzeimer und füllte ihn hastig.
Der Meister war inzwischen weiter zum Schmelzofen gegangen. Mit der freien Hand fühlte Simon nach seinem Ohr. Es brannte mindestens so stark wie das Gemisch aus Kupfer und Zinn, das sich im Ofen bereits verflüssigte. Der Reblinger deutete auf das Feuer und schrie, ohne sich umzudrehen: "Und hier muss mehr Holzkohle her!"
Der Ofen brannte bereits seit den frühen Morgenstunden, die Werkstatt glühte vor Hitze. Simon sah sich um. Die drei Gesellen und die beiden anderen Lehrlinge waren nach draußen gegangen, um sich in der kalten Winterluft für einen Augenblick abzukühlen.
Der einäugige Matthäus war nebenan im Schuppen verschwunden, um Ersatz für den kaputtgegangenen Blasebalg zu holen. Der Meister ging die Holztreppe zu dem Podest hinauf und blickte in die kochende Glut. Es war eine Gelegenheit, wie sie so schnell nicht wiederkommen würde.
Der Reblinger war mit seinen dreiundfünfzig Jahren immer noch bei bester Gesundheit und ein Kerl wie ein Bär. Simon wusste, dass er ihm in einer direkten Auseinandersetzung völlig unterlegen wäre. Er hatte bestenfalls den Vorteil der Überraschung auf seiner Seite. Und einen mit Sand gefüllten Eimer in seiner Hand. Sein Herz begann zu flattern und seine Beine zu zittern.
Gott hilf, flehte er gen Himmel.
Noch einmal sah er sich um, um sich zu vergewissern, dass er und der Meister tatsächlich allein in der Werkstatt waren. Das war der richtige Zeitpunkt und der richtige Ort. Seit Wochen hatte er auf diesen Augenblick hin gefiebert. Immer wieder hatte er sich vorgestellt, wie er es machen würde. Rücklings mit Spießen hatte er ihn durchbohrt, mit einem Hammer erschlagen, im Feuer gebraten, im Fluss ertränkt, im Moor versenkt.
Doch nun fand der geplante Kampf in ihm selber statt. All die Wut, die er aufgestaut hatte, stahl sich davon und machte dieser erbärmlichen Furcht Platz, die ihn wieder klein und hilflos werden ließ. Die Gesellen saßen nach wie vor draußen und Matthäus war auch noch nicht zurückgekehrt. Der Meister stand noch immer oben am Ofenschacht, als ob er auf etwas warten würde. Sicher studierte er die Beschaffenheit der Glockenspeise. Wie von einer Vorhersehung gelenkt stand er an diesem Platz, mit dem Rücken zu ihm.
Simon schloss die Faust, in der sich der Griff des Eimers befand. Er hatte es sich geschworen. Fest und heilig. Dann bemerkte er, wie sich seine Füße bewegten, als ob sie nicht mehr ihm gehörten. Langsam, Schritt für Schritt, näherte er sich der Treppe.
Und wenn ich dabei sterben muss, hörte er sich flüstern, und wenn ich dabei sterben muss!
Je näher er dem Ofen kam, desto heftiger wurde sein Zittern. Immer wieder verkrampfte er seine Faust in der Angst, der Eimer könne ihm entgleiten. Auch seine Gedanken versuchte er beisammenzuhalten. Sie wollten plötzlich so ganz woanders hin. Ist doch alles nicht so schlimm, sagte er sich. Lass doch einfach alles, wie es ist. Der Priester hatte es ihm gesagt. Ihm würde nicht vergeben werden.
Sein Herz hämmerte heftig gegen die Brust. Dann sah er es schon ganz deutlich vor sich. Der Eimer würde den Meister am Hinterkopf treffen, der mächtige Mann würde benommen vornüber fallen, mit seinem Kopf direkt in das brodelnde Metall hinein. Noch einmal sah er sich um. Die Halle war nach wie vor verlassen. Sein Blick fiel auf eine lange Eisenkelle, die an der Wand lehnte. Die Kelle taugte sicher besser als der Eimer, dachte er sich. Aber wenn er jetzt zur Wand ginge, würde er nur noch mehr Zeit vertrödeln, und er hatte schon zu lange gezögert. Er schalt sich, die Sache nicht besser durchdacht zu haben. Aber nun gab es kein Zurück mehr. Der Eimer war immerhin randvoll mit Sand. Das waren mindestens zehn Kilo in seiner Hand. Der Meister konnte jeden Moment weitergehen. Er musste handeln, jetzt sofort!
Simon begann zu rennen, nahm zwei Stufen auf einmal und holte aus. Der Reblinger, der die Schritte hinter sich hörte, drehte sich um. Er sah den Eimer auf sich zufliegen, zog seinen Kopf ein und hob schützend eine Hand hoch. Der Schlag traf ihn am Unterarm. Der Sand verteilte sich in einer Wolke, der Eimer polterte zu Boden und Simon, der sich noch im vollen Lauf befand, prallte mit eingezogenem Kopf und vorgehaltenen Fäusten auf den harten Bauch seines Gegenübers.
"Teufel du!", schrie der Riese vor ihm, der kaum schwankte.
Simon begriff, dass er verloren hatte. Er hatte den Meister angegriffen und dafür würde er nun für den Rest seines Lebens büßen müssen.
Der mächtige Kerl vor ihm holte mit seiner Rechten aus. Simon versuchte, Abstand zu gewinnen und stolperte rücklings die Stufen hinab. Unten angekommen sah er, dass der Meister die Hand nicht erhoben hatte, um ihn zu schlagen, sondern weil er wohl doch für einen Augenblick das Gleichgewicht verloren hatte. Er ruderte mit dem Arm, drehte sich ein wenig und schien für einen Moment umkippen zu wollen. Er stieß rücklings gegen den Ofen, während sein Arm in der kochenden Bronze verschwand.
Das bärtige Gesicht verformte sich zu einer Fratze und er stieß einen Schrei aus, der Simon durch Mark und Bein ging. Der Meister sackte zusammen und zog eine rote und tropfende Hand aus der Glut. Während er auf die Knie fiel, vollzog der Arm einen Bogen und verspritzte Glut und Feuer.
Simons Herz sprang ihm bis zur Kehle und schnürte ihm die Luft ab. Er wollte wieder aufstehen, doch seine Knie waren weich wie Butter geworden, die Füße schwer wie Blei. Dabei war sein einziger, schreiender Gedanke, dass er jetzt hier verschwinden musste. So schnell und so weit, wie er nur konnte.
Mit unendlichem Entsetzen sah er, wie sich der Meister wieder aufrichtete. Er gab Laute von sich, die Simon noch von keinem lebenden Wesen gehört hatte. Er polterte die Treppe hinunter und richtete sich erneut auf. Die aufgerissenen Augen traten ihm schier aus den Höhlen. Der ganze Arm stand in Flammen und brodelte ohne Unterlass. Haut und Fett schmolzen dahin, das Fleisch verkohlte, zog sich zusammen und verdrehte den Arm in unnatürlicher Weise.
Als ob er von einer unmenschlichen Kraft beseelt wäre, stapfte der Riese vorwärts und kam auf Simon zu.
Auf die Ellenbogen gestützt und mit den Füßen schiebend, bewegte sich Simon rückwärts, doch er wollte nicht recht vom Fleck kommen.
Die Schreie hätten doch längst von den anderen gehört werden müssen, fuhr es durch seinen Kopf. Doch niemand ließ sich blicken.
Plötzlich schwankte der Meister zu der Wand, an dem die Eisenkelle lehnte, und packte sie mit seiner verbliebenen Linken.
Wie kann jemand nur so einen Schmerz aushalten, fragte sich Simon. Wie hatte er nur annehmen können, dass er diesen Mann jemals bezwingen könnte!
Simon stieß mit dem Rücken gegen die Wand. Das brennende Ungetüm kam immer näher. Der Junge faltete die Hände, die er kaum noch unter Kontrolle hatte, zum Gebet. Er wusste, dass nun sein Ende gekommen war.
Vor ihm türmte sich die Masse des Meisters auf. Eine verzerrte Fratze blickte in grenzenlosem Wahn und Hass zu ihm hinab.
Dann holte der Reblinger mit der Kelle aus.
Simon fühlte, wie seine Hose nass wurde und im selben Moment legte sich ein dunkler, schwarzer Schatten über ihn.




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